M-BPhoch2

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Seit Wochen schläft sie schlecht, was ist nur mit ihr los? Ihr Kopf dreht sich. Oft kann sie sich nicht einmal mehr erinnern. Gedächtnislücken. Scheinbar kopflos. Verzweifelt schließt sie ihre Augen. Instinktiv greift sie mit beiden Händen nach ihrem Kopf, will sicher gehen, dass er noch da ist. Geistesabwesend rauft sie sich die Haare. Was will er ihr nur sagen? Wo ist er? Ihr Herz rast. Unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Mit ihren Händen stützt sie sich ab, versucht die Gedanken festzuhalten. Wo ist er nur?! Sie blickt in die Ferne, und doch scheinen ihre Augen nichts zu fixieren. Abwesenheit. Leere. Eine menschliche Hülle ohne Bewohner.

Sie sitzt einfach nur da, während die Elemente um sie herum zu verschmelzen beginnen. Alles verflüssigt sich, es ist alles Eins. Sie spürt die Energie. In der Vergangenheit hat sie diese oft gespürt. Sie hat sie umarmt und sich zunutze gemacht. Sie hat sich davon tragen lassen, auf der Suche nach Antworten. Wo ist er nur?

Sie spürt eine kalte Hand auf ihrer Schulter und erschrickt innerlich. Ihr Puls rast. Äußerlich ist nichts zu spüren. Sie wirkt teilnahmslos. Sie gaffen, die Spanner. Strecken und recken ihre Hälse. Fremde Gesichter starren sie an und verschmelzen zu einer einheitlichen Masse an Schaulustigen. Sie, die Zeugen ihres Unglücks, so sehen sie aus. Die Fremden, die wieder verschwinden werden und so tun, als wäre nie etwas gewesen. In ihnen wird sie weiterleben. Die Geschichte wird sich fortsetzen. Sie hat ihn nicht wiederfinden können. Verzweiflung. Sie weiß, dass jetzt in diesem Augenblick ihr Körper resigniert. Und dann setzt es aus, ihr Herz. Herzstillstand.

Um sie herum wird das Treiben nun hektischer. Eins-zwei-drei: zurück. Wiederbelebung. Deutlich vernimmt sie das schrille Piepsen, das ihr ankündigt, dass etwas nicht stimmt. Irgendetwas läuft verdammt schief, aber sie kann es nicht identifizieren. Sie ist zu schwach.

Das, was nun bedrohlich lange bereits einen alarmierenden Dauerton darstellt, war einen Monat zuvor noch ihr Echolot.

Sie hört ein Aufschreien und ein Schluchzen, und dann spürt sie diese unbeschreibliche Wärme und Nähe. Eine Geborgenheit von ihren lieben Menschen. Abschiednehmen. Sie kann ihre Lieben jetzt nicht mehr trösten. Sie spürt ihre heißen Tränen, wie sie in den großen Ozean der verflossenen Tränen laufen und sich vereinen mit dem Weltschmerz, der auch sie lange genug angetrieben hat. Es schmerzt immer noch. Auch jetzt bleibt ihr diese Qual nicht erspart. Wo ist er?

Noch immer spürt sie ihr Herz. Es schlägt. Sie fühlt es ganz deutlich. Es schlägt im Takt. Sie spürt, wie die Lebensenergie durch ihren Körper fließt, und doch fühlt sie sich sonderbar losgelöst. Sie versteht es nicht. Sie hat es nicht kommen sehen. Wie ist sie in diese Lage geraten? Sie hatte sich ein neues Leben aufgebaut. Wie eine Schlange hatte sich gehäutet und ihr altes Leben abgestreift.

Nun atmet sie tief in ihr Herz hinein. Sie ist ganz ruhig und bei sich.

Einen Monat zuvor:

Sie kommt nach Hause. Sie schlägt die Tür hinter sich zu und beginnt zu weinen. Mit ihren Händen bedeckt sie die Augen, zu groß ist ihre Charme, zu groß ihre Sehnsucht. Das war ein schlechter Tag heute.

Gestresst von eigenen Ansprüchen und der Wiedereingliederung bei der Arbeit, die mitleidigen Blicke und das Gefühl, sie wäre behindert. Wenn sie ganz ehrlich ist, manchmal glaubt sie das inzwischen auch? Was ist falsch mit ihr? Warum passt sie nicht mehr in ihr Leben?

Letzte Nacht war es wieder so weit, sie fühlte sich in ihren Träumen verfolgt. Und da war sie wieder, ihre Gabe. Fluch und Segen zugleich. Ihr alles sehendes und alles verstehendes Herz. Der Helfer-komplex, wie sie es selbst als Teenie lachend nannte. “Mutter Theresa Syndrom” nennt es ihre Therapeutin.

Ja, sie kann gut reflektieren. Sie ist ehrlich. Sie kennt ihren Weg, und sie geht ihn. Getrieben über Jahrzehnte hinweg. Steinig, die Zeitepochen. Die Entbehrungen. Die scheinbar andauernde Suche. Das immer wieder erneute Loslassen.

Aber jetzt ist alles irgendwie anders. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Auf einmal kann sie alles erkennen. Die vielen kleinen Einzelteile ihrer Geschichte ergeben zusammengefügt ein großes Bild. Ein Bild, das ihre Lebensgeschichte erzählt. Das Gefühl ist ihr geblieben: die Liebe, ihre Liebe, die Weltenliebe.

“Die Seele wohnt im Herzen eines jeden Menschen.”, hört sie den Wind flüstern. Sie lächelt und versteht. Sie spürt die Energie deutlich, denn sie selbst ist ein Teil von ihr. Ihre Geschichte begann vor vielen Jahrhunderten. Weit ist sie seither gereist. Eine Seele auf der Suche nach Erfüllung.

Sie sieht den Engel deutlich vor ihr, ein ihr wohl vertrautes Gesicht. Oft sind sie sich begegnet. Sie weiß von seinem Geheimnis. Sie weiß, dass nicht er einen Pakt mit dem Teufel eingegangen war, nein, er ist der leibliche Teufel. Er ist zu Luzifer geworden, aus Verzweiflung. Er ersehnt sich Liebe, doch so sehr er sich verzerrt, sie bleibt im untersagt. Ihre Blicke vereinen sich erneut. Sie müssen nichts sagen. Sie sprechen die gleiche Sprache. Sie hört ihn in ihrem Kopf und vertraut, dass auch ihre Worte in seinem Kopfe hallen. Inständig hofft sie sein Herz zu erreichen. Dieser eine tiefe Blick in die Augen und die Seele des andren. Dieser eine Augenblick, in dem sich erneut verbindet, was zusammen gehört. Das kann ihnen niemand nehmen.

Sie beißt in einen Apfel. Anschließend blickt sie flüchtig auf ihre Uhr. Noch zehn Minuten, dann muss sie los… ihre Verpflichtungen rufen. Das ist nichts, was ihr angetan wurde. Sie hatte sich das selbst so ausgesucht. Sie muss sich selbst treu bleiben, hat sich ihrem Weg gegenüber verpflichtet ihn fortzusetzen. Sie ist eine Kriegerin der Liebe. Zehn Minuten. Was haben die schon zu bedeuten? Aber zehn Minuten können lang sein. Vor allem, wenn einen die Erinnerungen beschleichen. Von einer längst verlorenen Zeit. Da war er wieder, ihr Albtraum der letzten Nacht. Erneut sucht er sie heim. Die nach ihr greifenden Dämonen. Oft haben diese sie begleitet, und oft kamen ihr Engel zur Hilfe.